EU AI Act: Was die neuen Fristen für Agentforce bedeuten
Für die meisten Agentforce-Projekte in der Fertigungsindustrie zählt bei den Fristen des EU AI Act weniger, was die Verordnung (EU) 2026/1744 verschoben hat, als das, was schon gilt. Seit dem 2. August 2026 verlangt Art. 50, dass Menschen im Chat mit einem KI-Agenten wissen, dass es eine KI ist, und ein Serviceagent für Händler fällt nach meiner Lesart darunter. Die neuen Hochrisiko-Termine, 2. Dezember 2027 für Anhang III und 2. August 2028 für Anhang I, treffen Sie nur, wenn ein Agent über Bewerber oder Beschäftigte mitentscheidet oder KI in Ihren Maschinen steckt. Das ist meine Einschätzung als Architekt, keine Rechtsberatung.
Was hat die Verordnung (EU) 2026/1744 geändert?
Laut White & Case1 ist die Verordnung, bekannt als Digital Omnibus on AI, am 24. Juli 2026 im Amtsblatt erschienen und am 27. Juli in Kraft getreten. Sie verschiebt die Hochrisiko-Pflichten aus Kapitel III, wo die meiste Arbeit liegt. Der konsolidierte Art. 1132 im AI Act Service Desk der Kommission nennt die Termine unten; der 2. Dezember 2026 für die maschinenlesbare Kennzeichnung stammt aus dem FAQ der Kommission zu Art. 503:
- Transparenz nach Art. 50: Chatbots, Deepfakes, veröffentlichte Texte
- Maschinenlesbare Kennzeichnung nach Art. 50 Abs. 2 für generative Systeme, die vor dem 2. August 2026 am Markt waren
- Hochrisiko nach Anhang III, eigenständige Einsätze wie Personalauswahl und Personalsteuerung
- Hochrisiko nach Anhang I, KI in regulierten Produkten
White & Case betont, dass die Verschiebung nur Kapitel III betrifft und nicht die Transparenzpflichten. Die Pflicht zur KI-Kompetenz in Art. 4 wurde weicher: Anbieter und Betreiber ergreifen jetzt Maßnahmen, die die KI-Kompetenz ihrer Beschäftigten fördern, statt ein ausreichendes Niveau sicherzustellen.
Wer ist Anbieter, wer Betreiber im Agentforce-Projekt?
Der AI Act verteilt Pflichten nach Rollen. Nach Art. 34 ist Anbieter, wer ein KI-System entwickelt oder entwickeln lässt und es unter eigenem Namen in Verkehr bringt oder in Betrieb nimmt. Betreiber ist, wer ein KI-System in eigener Verantwortung beruflich verwendet. Im Normalfall stellt Salesforce die Plattform bereit, und Sie als Hersteller betreiben die Agenten, die Sie in Ihrer Org konfigurieren.
Art. 25 Abs. 15 verschiebt diese Aufteilung: Ein Betreiber wird zum Anbieter, wenn er ein Hochrisiko-System unter eigenem Namen anbietet, es wesentlich verändert oder die Zweckbestimmung eines Systems so ändert, dass es zum Hochrisiko-System wird. Agentforce ist eine allgemeine Agentenplattform. Konfigurieren Sie einen Agenten, der Bewerbungen in eine Rangfolge bringt, schaffen Sie diesen Hochrisiko-Zweck vermutlich selbst, und damit die Anbieterpflichten aus Art. 16. Salesforce rät in seinem Leitfaden zu KI-Kompetenz6 vom Mai 2025 Kunden, eigenen Rechtsrat einzuholen. Das würde ich wörtlich nehmen: Die Einstufung Ihrer Agenten gehört in die Rechtsabteilung.
Ein Chat-Agent für Händler ist ein Transparenzfall
Die meisten Agentforce-Agenten bei Herstellern antworten Händlern, Kunden oder Servicepartnern zu Auftragsstatus, Lieferterminen, Ersatzteilen oder Terminen. Nichts davon steht in Anhang III. Diese Agenten fallen unter Art. 50 Abs. 1, der seit dem 2. August 2026 gilt.
Laut FAQ der Kommission greift die Pflicht, wenn das System eine KI ist, für einen wechselseitigen Austausch gebaut ist, direkt kommuniziert und das Gegenüber eine natürliche Person ist. Ein Einkäufer beim Händler ist eine natürliche Person, B2B nimmt Sie also nach meiner Lesart des FAQ nicht heraus. Ein Agent, der Fälle nur im Hintergrund klassifiziert, ist draußen; einer, der dem Händler antwortet, ist drin. Der Hinweis muss zu Beginn der ersten Interaktion kommen, klar erkennbar und barrierefrei. Die Ausnahme für „offensichtliche“ KI soll eng ausgelegt werden, auf ein Roboter-Symbol würde ich mich also nicht verlassen. Das FAQ nennt Bußgelder bis 15 Mio. Euro oder 3 Prozent des weltweiten Jahresumsatzes.
Formal ist Art. 50 Abs. 1 eine Pflicht des Anbieters. Ob das Salesforce ist oder Sie, klärt das FAQ für diese Konstellation nicht; praktisch liegt die Welcome Message des Agenten in Ihrer Org. Meine Empfehlung: Setzen Sie den Hinweis dorthin, in jeder Portalsprache. Das Trailhead-Modul zu Guardrails und Trust Patterns7 ergänzt klare Regeln für die Übergabe an einen Menschen und führt den Audit Trail im Einstein Trust Layer unter den Best Practices für die Umsetzung.
Die Kennzeichnung veröffentlichter Texte nach Abs. 4 betrifft Informationen an die Öffentlichkeit zu Angelegenheiten von öffentlichem Interesse, nicht den Liefertermin für einen Händler.
Wann wird ein Agentforce-Agent zum Hochrisiko-System?
Anhang III listet eigenständige Hochrisiko-Einsätze. In der Salesforce-Org eines Herstellers ist Nummer 4 zur Beschäftigung die kritische. Die Seite des Service Desk zur Beschäftigung8 trennt die Fälle:
- Erfasst, 4(a) Personalauswahl: Ranking von Kandidaten, Bewertung von Bewerberantworten, gezielte Stellenanzeigen.
- Erfasst, 4(b) Arbeitsverhältnisse: Schichten oder Bereitschaften nach Leistung zuweisen, Leistung bewerten.
- Ausgenommen nach Art. 6 Abs. 3: Gespräche terminieren, Eingangsbestätigungen senden, Lebenslaufdaten ordnen, als eng begrenzte Verfahrens- oder Vorbereitungsaufgaben.
- Nie ausgenommen: Systeme, die Profiling natürlicher Personen betreiben.
Der Außendienst wird dabei leicht übersehen. Aufträge nach Qualifikation, Gebiet und Verfügbarkeit zu verteilen, ist weit weg von 4(b). Techniker nach Erstlösungsquote zu reihen und danach Arbeit zuzuweisen, kommt der Zuweisung nach individuellem Verhalten nahe; ob ein regelbasierter Optimierer überhaupt ein KI-System ist, ist eine eigene Frage. Wie die Engine entscheidet, steht in Terminplanung im Field Service automatisieren.
Ist ein Agent Hochrisiko, gibt Ihnen Art. 269 als Betreiber ab dem 2. Dezember 2027 konkrete Pflichten: Verwendung nach der Betriebsanleitung des Anbieters, menschliche Aufsicht durch Personen mit Kompetenz und Befugnis, Prüfung der Eingabedaten, die Sie steuern, Überwachung des Betriebs, Aufbewahrung automatisch erzeugter Protokolle für mindestens sechs Monate, soweit nichts anderes gesetzlich geregelt ist, und Information von Arbeitnehmervertretung und Beschäftigten vor dem Einsatz. In Deutschland ist der Betriebsrat nach BetrVG ohnehin viel früher im Spiel; diesen Weg beschreibe ich in KI-Coding, Betriebsrat und DSGVO.
Anhang I betrifft die Maschine, nicht den CRM-Agenten
Anhang I erfasst KI in Produkten nach EU-Harmonisierungsrecht. Für Maschinenbauer nennt Cuatrecasas10 die entscheidende Änderung: Die Maschinenverordnung (EU) 2023/1230 wandert von Abschnitt A in Abschnitt B von Anhang I. Für KI in Maschinen gelten dann nur wenige Vorschriften des AI Act unmittelbar. Die inhaltlichen Hochrisiko-Anforderungen sollen über delegierte Rechtsakte in die Maschinenverordnung kommen, die die Kommission bis spätestens 2. August 2028 erlassen muss. Bis es diese delegierten Rechtsakte oder die passenden harmonisierten Normen gibt, können Hersteller laut Cuatrecasas weiter auf die harmonisierten Normen oder gemeinsamen Spezifikationen nach dem AI Act verweisen, um die Konformitätsvermutung zu belegen.
Das betrifft KI in Maschinensteuerung oder Sicherheitsfunktionen und gehört zu Produktentwicklung und Rechtsabteilung, nicht zu Ihren Agentforce-Agenten. Der neue Art. 6 Abs. 1a11 stellt zudem klar, dass KI-Systeme, die ausschließlich für nicht sicherheitsbezogene Aspekte der Nutzerunterstützung eingesetzt werden, keine Sicherheitskomponenten sind. Art. 6 Abs. 1b geht vor: KI, deren Ausfall oder Fehlfunktion Gesundheit und Sicherheit gefährden würde, ist eine Sicherheitskomponente. Ein Agent, der einem Techniker ein Ersatzteil vorschlägt, ist Nutzerunterstützung in diesem Sinn.
Beispiel: vier KI-Ideen bei einem Maschinenbauer
Nehmen wir einen Maschinenbauer mit SAP, Service Cloud, Field Service mit 60 Technikern im Außendienst und einem Portal für 250 Händler. Alle Umstände sind Annahmen. Der KI-Lenkungskreis fragt, welche Frist des AI Act für vier Ideen gilt.
Serviceagent für Händler im Portal. Er beantwortet Auftragsstatus und Liefertermine. Transparenzfall nach Art. 50 Abs. 1, fällig seit 2. August 2026. Jetzt zu tun: Hinweis in der Welcome Message in allen Portalsprachen, Übergabe auf Wunsch und ein Testfall, der den Hinweis prüft, wie in Agentforce-Agenten testen und freigeben beschrieben.
Technikerzuweisung nach Leistungskennzahl. Der Außendienst möchte komplexe Einsätze an die Techniker mit der besten Erstlösungsquote geben. Möglicherweise Anhang III 4(b) ab 2. Dezember 2027 und schon heute ein Thema für den Betriebsrat. Meine Empfehlung: nach zertifizierten Qualifikationen und Verfügbarkeit zuweisen und Leistungsdaten aus der Disposition heraushalten.
Vorauswahl von Bewerbungen für Servicetechniker. Die Personalabteilung wünscht sich einen Agenten, der Bewerbungen reiht. Klar Anhang III 4(a), und nach Art. 25 wird das Unternehmen vermutlich Anbieter. Die Alternative ist ein Agent, der nur Gespräche terminiert und Eingangsbestätigungen verschickt, was die Kommission unter den Ausnahmen nach Art. 6 Abs. 3 führt.
Zustandsüberwachung in der nächsten Maschinengeneration. Die Produktentwicklung integriert ein Modell, das Verschleiß erkennt. Anhang I greift nur, wenn es als Sicherheitskomponente wirkt; reine Wartungsunterstützung kann unter Art. 6 Abs. 1a fallen, außer ihr Ausfall würde nach Art. 6 Abs. 1b Gesundheit und Sicherheit gefährden. So oder so ein Arbeitsstrang der Produktentwicklung, außerhalb des CRM-Programms.
Eine Idee ist überfällig, zwei werden so umgeplant, dass sie außerhalb von Hochrisiko bleiben, und eine gehört in ein anderes Team.
Alle Agenten der Org erfassen
- Alle Agenten erfassen, dazu die KI-Funktionen der Org, mit Zweck und den Menschen, mit denen sie sprechen.
- Jeden einordnen nach Rolle, Anbieter oder Betreiber, und nach Kategorie: Transparenz, Anhang III, Anhang I oder nichts davon.
- Art. 50 jetzt umsetzen für jeden Agenten, der mit Menschen spricht.
- HR- und Personaleinsätze möglichst in die Ausnahmen nach Art. 6 Abs. 3 planen, sonst Art. 26 einplanen.
- Aufbewahrung von Agentensitzungen und Audit Trail des Trust Layer an den sechs Monaten aus Art. 26 messen.
- Rollen nach AI Act in Verträge schreiben, mit Salesforce und Ihrem Implementierungspartner.
- Freigabe der Rechtsabteilung für die Einstufung vor dem Go-live einholen.
Wo die Einstufung die Architektur prägt, etwa welche Entscheidung eine menschliche Freigabe braucht, unterstütze ich die Kundenseite im Rahmen der Salesforce-Architektur. Ob Agentforce überhaupt der richtige Einstieg ist, behandelt Agentforce für Hersteller: jetzt starten oder warten?, und Kapitel 9 der KI-Masterclass stellt den AI Act neben Betriebsrat und DSGVO.
Quellen11
- 1White & Case (öffnet in einem neuen Tab)whitecase.com
- 2Art. 113 (öffnet in einem neuen Tab)ai-act-service-desk.ec.europa.eu
- 3FAQ der Kommission zu Art. 50 (öffnet in einem neuen Tab)digital-strategy.ec.europa.eu
- 4Art. 3 (öffnet in einem neuen Tab)ai-act-service-desk.ec.europa.eu
- 5Art. 25 Abs. 1 (öffnet in einem neuen Tab)ai-act-service-desk.ec.europa.eu
- 6Leitfaden zu KI-Kompetenz (öffnet in einem neuen Tab)salesforce.com
- 7Trailhead-Modul zu Guardrails und Trust Patterns (öffnet in einem neuen Tab)trailhead.salesforce.com
- 8Seite des Service Desk zur Beschäftigung (öffnet in einem neuen Tab)ai-act-service-desk.ec.europa.eu
- 9Art. 26 (öffnet in einem neuen Tab)ai-act-service-desk.ec.europa.eu
- 10Cuatrecasas (öffnet in einem neuen Tab)cuatrecasas.com
- 11Art. 6 Abs. 1a (öffnet in einem neuen Tab)ai-act-service-desk.ec.europa.eu
Häufig gestellte Fragen
Ist ein Agentforce-Serviceagent ein Hochrisiko-KI-System nach dem EU AI Act?
In der Regel nicht. Ein Agent, der Auftragsstatus, Liefertermine oder Ersatzteilfragen beantwortet, steht nicht in Anhang III. Er ist ein Transparenzfall nach Art. 50 Abs. 1: Menschen müssen zu Beginn erfahren, dass sie mit einer KI sprechen. Lassen Sie die Einstufung von Ihrer Rechtsabteilung bestätigen.
Gilt Art. 50 auch im B2B, zum Beispiel im Händlerportal?
Ja, so lese ich das FAQ der Kommission. Entscheidend ist, ob das Gegenüber eine natürliche Person ist, und die Mitarbeiterin eines Händlers im Chat ist eine. Agenten, die nur im Hintergrund arbeiten und mit niemandem sprechen, fallen nicht unter Art. 50 Abs. 1.
Ab wann gelten die Hochrisiko-Pflichten des AI Act?
Laut konsolidiertem Art. 113 ab dem 2. Dezember 2027 für eigenständige Hochrisiko-Systeme nach Anhang III und ab dem 2. August 2028 für KI in Produkten nach Anhang I. Die Transparenzpflichten aus Art. 50 gelten seit dem 2. August 2026.
Ist Salesforce oder mein Unternehmen nach dem AI Act verantwortlich?
Beide haben Rollen. Salesforce stellt die Plattform bereit, Sie betreiben die Agenten, die Sie konfigurieren. Geben Sie einem Agenten einen Zweck, der ihn zum Hochrisiko-System macht, können Sie nach Art. 25 zum Anbieter werden. Salesforce selbst rät Kunden, eigenen Rechtsrat einzuholen.
Was bedeutet die Änderung bei der Maschinenverordnung für Maschinenbauer?
Laut Cuatrecasas wandert die Maschinenverordnung in Abschnitt B von Anhang I, die inhaltlichen Hochrisiko-Anforderungen an KI in Maschinen sollen über delegierte Rechtsakte bis spätestens 2. August 2028 kommen. Das ist ein Thema der Produktentwicklung, getrennt von CRM-Agenten.